Meine Katastrophe wurde durch den plötzlichen Tod meiner Mutter ausgelöst. Sie verstarb gerade in einer Zeit, in der wir uns überhaupt nicht mehr verstanden haben, einer Zeit, in der ich gerade dabei war, mein Leben neu zu überdenken und zu ordnen. Ohne sie, nach Jahren des Kümmerns meinerseits. Die Gründe führe ich hier nicht aus, sie sind auch belanglos. Jedenfalls brach sich nach ihrem Tod lange verschüttete und ignorierte Angst Bahn, der ich nun nicht mehr ausweichen konnte, was ich mein bisheriges Leben erfolgreich geschafft habe. Dazu kam noch ein schlechtes Gewissen, weil ich vorher nichts mehr mit ihr klären konnte, und eine gehörige Portion Wut, weil sie mich einfach so zurückgelassen hat. All das habe ich aber in den drei Jahren aufarbeiten können und sehe da viel klarer. Jedenfalls konnte ich nicht mehr alleine bleiben, wo sonst meine Mutter für mich da war, war nun niemand mehr. 

 

So stand ich also mit dem Rücken zur Wand. Alleine zu Hause zu bleiben war mir unmöglich, (mein Mann mit einer festen Arbeit, der er in der Woche normal nachgeht, dazu noch etliche Kilometer Autobahn entfernt), alleine die Vorstellung verursachte mir eiskalte Panik. So bekniete ich dann meinen Mann, mich tagsüber in die Nähe seiner Arbeitsstelle mitzunehmen. Ich flehte, ich bettelte. Seine Arbeitsstelle liegt in einem tristen Industriegebiet. Nur Firmen, keine Cafés, nichts Nettes in der Reichweite, die ich damals hatte - gen null. 

 

Noch heute jagt es mir eiskalte Schauer über den Rücken, nimmt es mir fast den Atem, wenn ich an diese Zeit zurückdenke. Fast drei Jahre lang verbrachte ich in unserem Auto, zehn Stunden wartend in der Nähe meines Mannes, bewaffnet mit einem Handy, damit ich ihn im Notfall schnell erreichen und er kommen kann. (Ich rief ihn nie an). Im tiefsten Winter bei heftigstem Frost, bei Sturm, bei sengender Sonnenglut und Hitze stand ich auf meinen "Stammparkplätzen". Ich wechselte turnusmäßig, damit nicht auffiel, wenn ich dort stundenlang im Auto saß. Auf Anfrage, wenn mal ein Passant oder ein Mitarbeiter einer Firma fragte, warum ich dort stundenlang im Auto sitze, log ich. Ich sagte, ich hätte Fahrdienst und nun gerade eine längere Pause, immer zu denselben Zeiten. Mit der Zeit gewöhnten sich die Leute an meinen Anblick, und ich hatte wenigstens meine Ruhe. Zweimal am Tag hatte ich die Gelegenheit, eine To aufzusuchen. Mein Mann und ich trafen (am Anfang lief er zu mir), uns (heimlich, damit seine Kollegen nicht merkten, daß seine "irre" Frau auch da ist), um halb elf eine Viertelstunde in seiner Frühstückspause und um halb zwei eine halbe Stunde in seiner Mittagspause. Wir fuhren dann zusammen in einen Supermarkt oder in einen Imbiss. Für ihn ein endloses Gehetze, er hatte die Jahre über nie eine Pause, in der er in Ruhe essen oder einfach nur mit seinen Kollegen die Zeit verbringen konnte. Eine Tortour für ihn, für mich. Jeden Tag wieder. Fast drei Jahre lang. Es grenzt an ein Wunder, daß wir das so lange durchgehalten haben. Das pure Grauen für beide. Ich hatte meine Mahlzeiten mit, eine kleine Thermoskanne mit heißem Tee und Brote, welche ich im Auto verzehrte. Manchmal ein Stück Kuchen, manchmal Süßes. Ich bekam Rücken- und Kopfschmerzen, und noch heute hasse ich es, wenn mir die Sonne direkt ins Gesicht scheint. 

 

Und was machte ich den ganzen Tag im Auto?

 

Während dieser Zeit fing ich an zu lesen. Bücher. Unter anderem Unmengen und stapelweise von den schon früher erwähnten Selbsthilferatgebern, es gibt kaum einen, es sei denn, er ist neu, welchen ich nicht von der ersten bis zur letzten Seite gelesen habe. Ich nahm einen Laptop mit und surfte auf einschlägigen Seiten, las und schrieb in Foren, fragte, antwortete, verschlang alles, was es über Angststörungen im Netz gab. Mit anderen Worten - ich lernte. Ich lernte alles, was man in der Theorie über Angststörungen lernen kann, ich sog die Infos wie ein Schwamm in mich hinein. Ich studierte, sondierte, sortierte, verwarf, zog für mich das Passende heraus, schrieb es auf, behielt alles, was ich behalten wollte. 

Und das Wunder geschah, wenn auch schleppend, langsam und zäh und erst unmerklich. Ich fing an, umzudenken, meine Angst, wenigstens in diesem Industriegebiet, wurde weniger. Mein Radius mit dem Auto erweiterte sich immer mehr, ich fuhr, fuhr und fuhr. Die Strecken, die ich ohne Angst bewältigen konnte, wurden immer länger. Immer noch kurze Strecken, Lokale und Cafés immer noch außerhalb meiner Reichweite, immer noch traf ich meinen Mann in den Pausen, aber ich konnte ihn wenigstens schon abholen, er mußte nicht mehr zu mir laufen. Kärglich wenig meinst Du? Für mich waren es Riesenschritte, über die mein Mann und ich uns gefreut haben. Es zeigte Veränderung, wenn auch nur sehr langsam. Irgendwann konnte ich dann einen kleinen Imbiss an einem Klamottenmarkt erreichen, freundete mich ein wenig mit der Imbißbesitzerin an und verbrachte dann viel Zeit dort, die Mitarbeiter des Marktes machten dort ihre Pausen, und auch mit denen kam ich dann in netten Kontakt. Und ich konnte wenigstens auf eine To und schmorte nicht im Sommer im Auto. Ich fing an, in dem nahen Markt zu stöbern, die Zeiten dort wurden immer länger und ich hatte keine Angst mehr dort. Mit der Zeit erreichte ich dann das nächste Geschäft, weiter weg, ich wurde, wenn auch im Kleinen, immer sicherer. Irgendwann, nach einigen Monaten, überwarf ich mich mit der Imbißbesitzerin und meine Zeit dort war vorbei, also zurück ins Auto.

 

Diese drei Jahre in diesem Industriegebiet waren die Hölle. Immer bestrebt, nicht dort zu parken, wo die Kollegen meines Mannes ihre Autos abstellen, immer verstecken, damit sie uns nicht sehen. Ich verbrachte dort endlose Tage, krank, mit Fieber, mit Erkältung, mit Röschenflechte, (so eine Unterart von Gürtelrose). In diesen Jahren gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht an eine finale Lösung gedacht habe. Ich konnte nicht mehr, war mit meiner Kraft am Ende, ich wollte mich von mir erlösen, meinen Mann von mir erlösen. Ich steckte mir eine Rasierklinge in ein Seitenfach meiner Handtasche, damit ich schnell handeln kann, wenn ich es nicht mehr aushalte. Ich weiß nicht mehr wie oft ich am Straßenrand stand und dachte, "der nächste Vierzigtonner, der hier durchbrettert, ist Deiner". Mir war egal, ob ein Unbeteiligter dann leidet, oder was mein Mann hinterher durchmacht. Ich wünschte mir nur noch eines - daß es zu Ende ist, daß es aufhört. Ich wünschte mir das her, was ich stets am meisten gefürchtet habe - einfach tot umzufallen, `rums und weg. 

 

Wenn ich mich im Spiegel ansah, erschrak ich. Aus kleinen Lachfältchen sind Falten geworden, ich hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen, die mich ohne jeden Glanz und ohne jeden Ausdruck ansahen. Meine langen Haare glänzten nicht mehr, sie hingen strähnig oder zu einem schlampigen Zopf gebunden von meinem Kopf. Ich hörte auf, mich  zu schminken. Das Wenige, was ich immer auftrug, benutze ich auch nicht mehr. Ich hörte auf, regelmäßig meinen Epilierer zu benutzen. Mir war es inzwischen egal, was ich anhatte, war für`s Auto sowieso egal, sah schlampig aus. Ich legte an Gewicht zu, kaum Bewegung, schlechtes Essen. Mit anderen Worten - ich wurde hässlich. Aus einer recht hübschen, schlanken, gepflegten, taffen Frau wurde eine ungepflegte, mürrische, traurige bedauernswerte Kreatur. Das Ding da im Spiegel soll ICH sein? 

 

Und das waren die Wendepunkte. Klar denken konnte ich ja, nur nicht danach handeln. Ich ging mit mir ins Gericht. Unerbittlich, hart. "Wenn es dir sowieso schon egal ist, ob Du den Löffel abgibst, kannst du ihn ja auch zu Hause abgeben. Was liegt darin, daheim zu bleiben?" Angst vor dem Tod hatte ich nicht mehr, er war mir nur zu willkommen. Um es selber zu beenden war ich noch zu feige. So wie ich nun äußerlich gezeichnet war, hasste ich mich auch noch. Es konnte also nur besser werden, oder? 

 

Genau - der Nebel hat sich gelichtet...